Titelangaben
Sulz, Serge K. D. ; Sulz, Aline:
Editorial European Psychotherapy EP 2026 GERMAN EDITION : Diagnostik in der Verhaltenstherapie – Verhaltensdiagnostiksystem VDS.
In: European Psychotherapy : Scientific Journal for Psychotherapeutic Research and Practice. 17 (2026).
- S. 6-9.
ISSN 2943-8659
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Kurzfassung/Abstract
1. In dem Beitrag von Herta Brinskele geht es darum, die Symptome des Autismus-Spektrums in ihrer Funktionalität mit Bezug auf Alfred Adler und Stavros Mentzos vor einem psychodynamischen Erklärungshorizont zu untersuchen. Ausgehend von der Dialektik von Individuum und Gemeinschaft als anthropologische Grundtatsache verortet sie die Störungsbilder Autismus und AD(H)S (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit oder ohne Hyperaktivität) psychodynamisch im Sinne von Sicherungstendenzen respektive Abwehrmechanismen. Dabei zeigt sich, dass differentialdiagnostische Überlegungen maßgeblich von der Bestimmung der Funktionalität abhängen.
2. Serge Sulz geht auf die Bedeutung des Verhaltensdiagnostischen Systems (VDS) in der psychotherapeutischen Praxis ein. Der Autor argumentiert, dass erfahrene Therapeuten sich oft fälschlicherweise allein auf ihre Intuition verlassen und dadurch die tieferen Einsichten systematischer, operationalisierter Diagnostik verpassen. Das VDS, entwickelt über Jahrzehnte klinischer Praxis und Forschung, umfasst 40 Instrumente, die psychodynamische Konstrukte in ein verhaltenstherapeutisches Rahmenkonzept integrieren. In Anlehnung an das „Wissenschaftler-Praktiker“-Modell von Fred Kanfer und aufbauend auf den Arbeiten von Klaus Grawe ermöglicht das System ein umfassendes Verständnis von Faktoren wie Bindungssicherheit, Mentalisierung und grundlegenden Überlebensregeln.
3. Susanna Schönwald und MitarbeiterInnnen weisen auf die immer noch weit unterschätzte Bedeutung biografischer Faktoren für die Entstehung psychischer Erkrankungen im Erwachsenenalter hin. Im Fokus steht die Evaluation des VDS1-Fragebogens zur Lebens- und Krankheitsgeschichte, eines der am häufigsten genutzten Anamneseinstrumente in der ambulanten Psychotherapie. Das Ziel war es, den Zusammenhang zwischen frühkindlichen Belastungen, frustrierten Grundbedürfnissen und der späteren Symptomatik empirisch zu belegen. Die Studien belegen ein massiv erhöhtes Ausmaß an Belastungen in der Kindheit, wobei die Häufigkeitsverteilung über fast alle biografischen Variablen hinweg zwischen 70 und 100 Prozent lag. Besonders häufig wurden Frustrationen der Bindungs- und Selbstwertbedürfnisse sowie eine hohe Prävalenz elterlicher Pathologien (z. B. Depressionen, Aggressionen) berichtet. Diese Erfahrungen korrespondieren signifikant mit einem unsicheren Bindungsstil, massiven Defiziten in der Emotionsregulation (nahezu 100 % der Patienten) sowie der Ausprägung selbstunsicherer und dependenter Persönlichkeitszüge im Erwachsenenalter. Die AutorInnen folgern daraus, dass der VDS1 als wissenschaftlich validierter „Determinantenbeweis“ für die affektiv-kognitive Entwicklungstheorie nach Sulz dienen kann. Die Ergebnisse bestätigen, dass frühkindliche Belastungen die primäre Vulnerabilität für psychische Störungen schaffen, indem sie zur Bildung maladaptiver Schemata und dysfunktionaler „Überlebensregeln“ führen. Die Kenntnis dieser biografischen Ätiopathogenese ist essenziell für eine ursachenorientierte Fallkonzeption und gezielte präventive Maßnahmen.
4. Aline Sulz und MitarbeiterInnen gehen davon aus, dass die Erfüllung zentraler Beziehungsbedürfnisse als essenzieller Faktor für eine gesunde psychische Entwicklung gilt. Während quantitative Studien bereits Zusammenhänge zwischen elterlichem Erziehungsverhalten und Psychopathologie aufzeigten, mangelt es an einer differenzierten empirischen Klassifikation subjektiv erlebter kindlicher Bedürfnisse. Es wurde ein empirisch begründetes Klassifizierungssystem aus 21 kindlichen Bedürfnissen entwickelt, die sich in drei Hauptgruppen unterteilen lassen: Zugehörigkeits-/Abhängigkeitsbedürfnisse (z. B. Trost, Schutz, Liebe), Selbst-/Individuationsbedürfnisse (z. B. Selbstbestimmung, Vorbild, Grenzen) und homöostatische Bedürfnisse (z. B. Freiheit von Angst, Schuld und Missbrauch). Die Ergebnisse unterstreichen die klinische Relevanz einer feinen Differenzierung kindlicher Bedürfnisse. Das entwickelte System bietet eine theoretische und praktische Grundlage für die psychotherapeutische Rekonstruktion der kindlichen Lerngeschichte und der daraus resultierenden psychischen Strukturen.
5. Ute Gräff-Rudolph und MitarbeiterInnen untersuchen die Bedeutung der zentralen Konstrukte des Verhaltensdiagnostik-Systems (VDS), insbesondere der Instrumente VDS24 (Frustrierendes Elternverhalten) und VDS27 (Zentrale Bedürfnisse), für das Verständnis der menschlichen Persönlichkeitsentwicklung und Psychotherapie. Empirische Befunde zeigen, dass die Frustration dieser Bedürfnisse in der Kindheit (VDS24) ein wesentlicher Prädiktor für Bindungsunsicherheit, zentrale Ängste (VDS28) und die Ausprägung dysfunktionaler Persönlichkeitszüge (VDS30) im Erwachsenenalter ist. Insbesondere die Frustration der Selbst- und Homöostasebedürfnisse korreliert stark mit Borderline-Zügen sowie selbstunsicheren und passiv-aggressiven Tendenzen. Innerhalb therapeutischer Prozesse, wie der Strategisch-Behavioralen Therapie (SBT) und der Mentalisierungsfördernden Verhaltenstherapie (MVT), ermöglichen diese Instrumente die Rekonstruktion der impliziten Überlebensregel. Studien belegen, dass die grundlegenden Bedürfnisse (VDS27) über den Therapieverlauf weitgehend stabil bleiben, während sich der Umgang mit ihnen und die damit verbundenen Ängste durch gezielte Interventionen signifikant verbessern lassen. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit einer bedürfnisorientierten Diagnostik zur Auflösung rigider Verhaltensmuster und zur Förderung der psychischen Gesundheit.
6. Miriam Sichort-Hebing und Serge Sulz untersuchen die zentrale Angst als grundlegendes Steuerungsprinzip menschlichen Erlebens und Verhaltens in zwischenmenschlichen Beziehungen. Entgegen einer rein situativen Betrachtung wird Angst hier als starke motivationale Kraft und persistentes Persönlichkeitsmerkmal (Angst-Trait) verstanden. Auf Basis qualitativer Interviews und quantitativer Studien (VDS28) werden sieben abgrenzbare Angstkategorien definiert, die eng mit der biografisch erworbenen Überlebensregel eines Individuums verknüpft sind. Abschließend werden die Implikationen für die Psychotherapie dargelegt, insbesondere im Rahmen der Strategisch-Behavioralen Therapie (SBT) und der Mentalisierungsfördernden Verhaltenstherapie (E-MVT). Ziel ist die Falsifizierung rigider Überlebensregeln und die Förderung einer effektiven Emotionsregulation („Vom Überleben zum Leben“), um langfristig stabile Therapieergebnisse zu sichern.
7. Pia Comanns und MitarbeiterInnen betrachten die Persönlichkeitsdiagnostik ist ein zentrales Element der Qualitätssicherung in der Psychotherapie, da die Selbsteinschätzung von Patienten und die Fremdeinschätzung durch Therapeuten oft divergieren. Der VDS30-Persönlichkeitsfragebogen wurde entwickelt, um dysfunktionale Persönlichkeitszüge auf einem Kontinuum zu erfassen, wobei er sich eng an den klinischen Beschreibungen von ICD-10 und DSM-IV orientiert. Theoretisch fundiert das Verfahren im affektiv-kognitiven Entwicklungsmodell und dem Konzept der „Überlebensregel“, einem maladaptiven Schema, das der Stabilisierung des psychischen Systems dient. Der VDS30 ist ein zeitökonomisches Selbstbeurteilungsinstrument mit 90 Items, die in neun (optional elf) Skalen unterteilt sind (u. a. selbstunsicher, dependent, narzisstisch, emotional instabil). Der VDS30 stellt ein reliables und valides Instrument für die klinische Praxis und Forschung dar. Er ermöglicht eine präzise Funktionsanalyse und Behandlungsplanung. Durch die ressourcenorientierte Ergänzung des VDS19-Plus können zudem positive Therapieziele individuell formuliert werden.
8. Annette Richter-Benedikt analysieren den Prozess der Symptombildung als eine fehlgesteuerte Reaktionskette im Rahmen der Strategisch Behavioralen Therapie (SBT). Ausgangspunkt ist die Frustration zentraler Bedürfnisse, die in zwei Dritteln der Fälle Zugehörigkeit (Sicherheit, Liebe) und in 37,4 % den Selbstwert betreffen (Sulz, Heiss et al., 2011). Da die Wutspannung jedoch oft unzureichend unterdrückt wird, fungiert das Symptom (z. B. Depression) als „Notbremse“ und ultimativer „Wut-Beseitiger“ (Sulz, 2014b). Der therapeutische Teil beschreibt ein präzises Sieben-Schritte-Programm zur Aufbrechung dieser Kette, inklusive des AACES-Modells. Empirische Erfolge belegen eine höchst signifikante Reduktion der Regelrigidität (p < .001) mit starken Effektstärken (Hebing, 2011).
9. Aline Sulz und MitarbeiterInnen sehen in der systematischen Erfassung von Auslösebedingungen für psychische und psychosomatische Symptome einen zentralen Bestandteil der psychotherapeutischen Verhaltensanalyse. Der VDS23 (Situationsanalyse) wurde entwickelt, um individuell problematische und schwierige Situationen im zwischenmenschlichen Kontext systematisch zu identifizieren. Der VDS23 ist ein Selbstbeurteilungsfragebogen mit 63 Items, die auf einer Skala von 0 bis 5 bewertet werden. Er beinhaltet qualitative Vertiefungen für Hauptprobleme sowie eine retrospektive Analyse biografischer Bezüge zu den Eltern. Eine explorative Faktorenanalyse identifizierte sechs Faktoren, die zentrale therapeutische Themen wie Beziehungsverlust, Bedrohung von Freiraum, Bedürfnisfrustration, öffentliche Ablehnung, Einflussverlust sowie Unterlegenheit abbilden. Durch die Verknüpfung mit weiteren Skalen des Verhaltensdiagnostik-Systems (VDS) lässt sich verstehen, warum spezifische Situationen bei bestimmten Patienten zur Symptombildung führen. Das Instrument bietet somit eine fundierte Basis für die Therapieplanung, den Kompetenzaufbau und die gezielte Bearbeitung konflikthafter Themen.
10. Annette Hoenes und MitarbeiterInnen berichten, dass in der modernen kognitiv-behavioralen Therapie gesundheitsfördernde Faktoren wie die Ressourcenutilisierung und die Wertorientierung zunehmend in den Fokus der Therapieplanung rücken. Ziel ist es, den Patienten von einer defizitorientierten Sichtweise hin zu einem „gelingenden Leben“ zu führen. Der vorliegende Artikel stellt zwei diagnostische Instrumente des Verhaltensdiagnostik-Systems (VDS) vor: die VDS26-Ressourcenanalyse (91 Items, 14 Faktoren) und den VDS33-Wertefragebogen (59 Items, 9 Faktoren). Die Integration von VDS26 und VDS33 in die Eingangsdiagnostik, insbesondere innerhalb der Strategisch-Behavioralen Therapie (SBT), ermöglicht eine gezielte Ressourcenmobilisierung. Die Ergebnisse unterstützen den therapeutischen Prozess, Patienten aus einer krankheitsbedingten Selbstbezogenheit zu mehr Selbsttranszendenz und Selbstwirksamkeit zu führen.
11. Stephanie Backmund und Mitarbeiter beschreiben die Anwendung und Validität des standardisierten Interviews zur Befunderhebung VDS14. In Kombination mit dem VDS90-Symptomfragebogen kommt es zur zeitökonomischen Erhebung des psychischen Befunds in der psychotherapeutischen Praxis. Ziel dieser kombinierten Diagnostik ist die Erstellung einer fundierten Syndromdiagnose, die als relevanter für die Therapieplanung erachtet wird als eine reine ICD-Klassifikation. Validierungsstudien belegen eine hohe Übereinstimmung der resultierenden ICD-10-Diagnosen mit dem SKID I (81 %). Zudem weist der VDS90 eine hohe Reliabilität (innere Konsistenz 0,93) sowie eine ausgeprägte Änderungssensitivität auf, wodurch er sich besonders für Outcome-Studien eignet. Das Verfahren schließt zudem diagnostische Lücken klinisch relevanter Bereiche wie Essstörungen, Sucht und Trauma.
Weitere Angaben
| Publikationsform: | Artikel |
|---|---|
| Schlagwörter: | Emotions- und Mentalisierungsförderung; Bindung; Überlebensregel; Verhaltensdiagnostiksystem VDS |
| Sprache des Eintrags: | Deutsch |
| Institutionen der Universität: | Philosophisch-Pädagogische Fakultät > Pädagogik > Lehrstuhl für Sozial- und Gesundheitspädagogik |
| DOI / URN / ID: | 10.23668/psycharchives.21879 |
| Open Access: Freie Zugänglichkeit des Volltexts?: | Ja |
| Peer-Review-Journal: | Ja |
| Titel an der KU entstanden: | Ja |
| KU.edoc-ID: | 36622 |
Letzte Änderung: 29. Apr 2026 08:37
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